DES HENLY “ON TOUR” mit CHUCK BERRY
Meine erste Begegnung mit Chuck Berry war an einem kalten Winterabend im Februar 1973 in London, als er im Rainbow Theater spielte (damals das alte Finsbury Park Empire).
Fumble sollten die Veranstaltung eröffnen. Wir waren begeistert darüber, mit Rock'n'Roll Legende Chuck spielen zu dürfen, und genossen unsere Rolle als die Band, die den ersten Teil der Show bestreiten durfte. Nachdem wir gespielt hatten, machten wir es uns hinter der Bühne bequem, um uns Chuck's Auftritt anzusehen.
Ich sah ihn zum ersten Mal, als er noch hinter der Bühne war und gerade
im Gespräch mit Peter Bowyer, dem Promoter war, und ich ahnte, dass da
irgendwas nicht ok war. Chuck hatte im Musikgeschäft schon immer den Ruf,
manchmal etwas sonderbar zu sein. Wahrscheinlich ging das auf seine Anfangszeit
im Rock'n'Roll zurück, in denen er (wie viele andere auch) von habgierigen
Produzenten und Verlegern ausgenutzt wurde, die ja ausnahmslos Weiße waren!
Chuck war jetzt eine Legende und machte, was er wollte. Ich verrenkte mir die
Ohren um etwas zu hören! Bereit für den Auftritt, mit seiner Gitarre
über die Schulter forderte er sein Auftrittshonorar, bevor er die Bühne
betrat.
Minuten vor seinem geplanten Auftrittsbeginn rief diese ungewöhnliche Bitte
zweifellos einige Bestürzung beim Veranstalter hervor. Ich sah Peter, der
gezwungenermaßen keine Wahl hatte, nach seinem Scheckheft geifen, aber
offensichtlich war Chuck immer noch nicht zufrieden.
"Nein, Danke Mann, ich meine Cash, ich will Cash!" Peter sah zuvor
bereits besorgt aus, aber nun bekam er Panik und bat Chuck, den Scheck doch
zu akzeptieren. An dieser Stelle nahm Chuck seine Gitarre von der Schulter und
ging in Richtung seines offenen liegenden Gitarrenkoffers, als wollte er sie
weglegen. Peter wurde klar, dass Chuck das auch so meinte!
Er schickte seine Belegschaft los in alle Himmelsrichtungen, um das benötigte
Geld zu stehlen oder erbetteln oder sonstwas, bei der Konzertkasse, aus ihren
eigenen Brieftaschen, und wo immer irgendetwas zusammengekratzt werden konnte.
Auf wundersame Weise, nur etwa 10 Minuten verspätet, und mit etwas über
2000 ungeduldig auf Chuck wartenden Zuschauern, war das Geld zusammen und wurde
dem Mann nun gegeben.
Ungeachtet der wartenden Fans zählte er jede Note, und als stopfte, als
er zufrieden war, die zusammengefalteten Geldbündel vorne in seine beiden
Hosentaschen. Die Gitarre wieder auf die Schulter schnallend, hörte ich
ihn zu Peter sagen: "Well, thank you, man", mit seinem besten "Show-Lächeln".
Jetzt drehte er sich um und ging unter tosendem Applaus auf die Bühne.
"Hey Rainbow, Ich liebe Euch" (noch ein tosender Applaus). Ich werde
mich immer an Chuck erinnern, wie er auf die Bühne stolzierte, mit den
von den Banknoten ausgebeulten Hosentaschen. Wie immer war er erstklassig und
ich war froh "den Mann" zu treffen!
Das nächste Mal als ich Chuck traf, war an einem warmen, sonnigen Tag
in Frankfurt, am 22. Juli 1973. Fumble spielten mit Chuck Berry auf einem Open
Air Konzert im Radstadion. Chuck hatte am Vorabend auf dem Buxton Rock Festival
in Derbyshire gespielt und seine Begleitband hatte den Flug nach Deutschland
verpasst. Somit war Chuck der Headliner und hatte keine Band.
Nur 30 Minuten vor dem Auftritt und ohne Zeit uns vorzubereiten wurden wir gefragt,
ob wir für Chuck's Begleitband einspringen würden. "Großartig!"
dachten wir, "das ist was für's Erinnerungsalbum - Fumble mit Chuck
Berry, live auf der Bühne!" Seine Klassiker zu spielen, war kein Problem,
wir hatten jedoch keine Ahnung, welche der Songs Chuck vorhatte zu spielen,
und es wäre uns wohler gewesen, zumindest das zu wissen. Also, mit noch
einer halben Stunde Zeit und 20.000 lärmenden Fans im Stadion, bahnte ich
mir einen Weg zu Chuck's Umkleideraum, nur um ihn dort vorzufinden, wie er gerade
ein paar grell rotkarierte Hosen anzog.
Nachdem ich mich vorgestellt hatte und kurz sagte, wie sehr wir Fans seiner
Musik waren fragte ich ihn, welche Nummern wir spielen würden, woraufhin
er höflich aber bestimmt antwortete: "Ich ziehe mir gerade die Hose
um".
Ich stellte die gleiche Frage in etwas anderer Form, und bekam die selbe Antwort.
Ich verstand, Chuck war also beschäftigt, und machte mich rar!
Ich ging zurück zu meinen Leuten von Fumble, die schon aufgeregt auf irgendwelche
Neuigkeiten warteten, und erzählte ihnen von den Hosen, und dass wir jetzt
immer noch nicht schlauer sind, welche Songs wir spielen würden. Ich fragte
jemanden von Chuck's Belegschaft um Rat, wie wohl das Set aussehen könnte,
worauf er sagte "achtet einfach auf Chuck's linkes Bein - wenn er will,
dass ihr Pause macht - dann hebt er es und stampft auf den Boden. Ihr macht
dann Pause wenn er stampft!"
Während wir also hinter der Bühne herumsaßen, hörten wir auf einmal die Menge toben. Als wir nach dem Anlass sahen, war Chuck bereits auf der Bühne, alleine. Niemand hatte uns Bescheid gesagt, aber da wir ja gefragt worden waren, ob wir für ihn spielen, schien es eine gute Idee zu sein, zu ihm auf die Bühne zu gehen. Also gingen wir.
Chuck war der Showmann und wärmte die Menge auf. Immer noch ohne jede Ahnung bezüglich der Songliste, bewegte ich mich zu ihm hin und fragte: "was machen wir, Chuck?", worauf der große Mann von Ohr zu Ohr grinste, mit einem breiten Showlächeln strahlte, meine Hand mit seiner gigantischen Rechten in einem amerikanischen Handshake umfasste (was der Menge einen weiteren tosenden Jubel entlockte), und einfach zu mir sagte: "We're gonna shake hands and come out fightin'!" Die Jungs auf der Bühne, jetzt nur noch Sekunden entfernt von der ersten Nummer, verlangten nun verzweifelt irgendwelche musikalischen Instruktionen, und fragten mich: "was machen wir?"
Ich wusste es immer noch nicht, zuckte mit den Schultern und sagte nur: "We're gonna shake hands and come out fightin' !" In dem Moment, ohne Vorwarnung, begann Chuck mit einem seiner typischen Gitarrenintros, und eröffnete die erste Nummer. Ich rannte nach vorne an den Bühnenrand um zu sehen, wo seine Hände auf der Gitarre waren und in welcher Tonart er spielte und schrie 'C' nach hinten zu den Jungs.
Da waren wir nun also auf der Bühne, mit einer echten Rock'n'Roll-Legende, vor 20.000 tobenden Fans, und ohne jeden blassen Schimmer welche Songs wir spielen würden, und keiner anderen muskalischen Anleitung als "sein linkes Bein zu beobachten", und "come out fightin'". Und das war alles!
Wir setzten ein auf Zeichen, und dann waren wir dahin, Adrenalin pumpte in den Adern und langsam wurden wir wieder Herr unserer Nerven. Chuck war direkt vor uns, ging in seinem berühmten 'Entengang' über die Bühne und wir Jungs aus Weston-super-Mare, die ihn musikalisch begleiteten, genossen jede Sekunde davon!
Die Chuck-Songs und Solos (auch ein Solo, welches er mir mit nur zwei Takten
Vorwarnung andeutete, dass ich es spielen sollte) begannen ineinander überzugehen
und eins zu werden. Ich wandte mich zu Chris, einem unserer Road Manager seitlich
der Bühne um ihn zu fragen, welches Stück wir jetzt eigentlich spielen,
worauf er nur mit den Achseln zuckte.
Wir spielten weiter. Eine nette Erinnerung ist dass, kurz nachdem ich Chris
angesprochen hatte, Chuck seinen 'Engengang' zur Seite der Bühne machte,
wo ich ihn ebenfalls einen seiner Techniker fragen hörte: "Welches
Stück spiele ich garade, Mann?" (zumindest war ich nicht allein!).
Nach ungefähr 50 Minuten, mit 20.000 Fans im Stadion, die Zugabe riefen, verließ Chuck die Bühne. Er gab nie Zugaben, aber wir wussten das nicht. Als wir beständig unseren Rhythmus hielten drehte ich mich um und sah wie Chuck in einem schwarten Mercedes saß, im Backstage-Bereich, während er eine Kamera inspizierte, total distanziert von seinen Fans. Ich nickte herüber zu Sean, Mario und Barry, zählte laut bis 4, und wir beendeten den Auftritt mit einem langen Schlussakkord in A. That's Rock'n'Roll!
Ich liebte die Musik von Chuck Berry lange bevor Fumble bekannt werden, (das tue ich auch jetzt noch), und diese unerwartete Gelegenheit mit ihm auf einem so großen Event zu spielen, gab der Band einen Adrenalinstoß, den nicht viele Dinge übertreffen können. Wundervolle Erinnerungen!
Es war im Juni 1977 im Fußballstadion in Barcelona, als wir die erste Hälfte einer Veranstaltung mit Chuck bestritten. Ich traf ihn backstage und sagte: "Hi Chuck ! Hab' dich zuletzt in Frankfurt vor 4 Jahren gesehen - wie geht's ?".
Ein langes "Yeaaaaaa Man", wieder ein gigantischer Händedruck, und das breiteste Show-Lächeln. Nichts ändert sich wirklich! Viel Glück Chuck - Des Henly